Das Wetter vor mehr als 230 Jahren in Wittenberg
 

Seit dem 8. Januar 1768, sicher auch schon früher, sind in der Universitätsstadt Wittenberg,
im 16. Jahrhundert geistiges und politisches Zentrum  von „Chur – Sachsen“,
von einem damals 39 – jährigen Professor für Mathematik und Physik  Wetterbeobachtungen
angestellt worden. Der Mann scheint (auch in Fachkreisen) so gut wie unbekannt zu sein.
In G. HELLMANNs „Repertorium der deutschen Meteorologie“ (Leipzig 1883) finden sich einige
Hinweise auf seine Profession und damit zusammenhängende Veröffentlichungen.

Im „Wittenbergischen Wochenblatt“ sind ein Teil seiner
Beobachtungen abgedruckt, die sich im
Besitz des Stadtarchivs der Lutherstadt befinden;
bis auf die ersten beiden Bände, die in der
Universitäts – und Landesbibliothek Halle stehen.

Der Beobachter war Johann Daniel Tietz, geboren am
2. Januar 1729 in Konitz bei Danzig.
Nach dem frühzeitigen Tode seines Vaters wurde er im
Hause des Onkels Michael Christoph Hanow
erzogen, der als Professor der Philosophie und
Bibliothecarius in Danzig wirkte und im April des
Jahres 1768 schon über eine 30 – jährige Reihe
von Wetter – und astronomischen Beobachtungen
verfügte, aus der er „... die Wetterprognostica aus
dem Mondzirkel abzunehmen, mittelst der
Observationen des Jahres 1767 ...“, gedachte.
Es ist wohl sehr anzunehmen, daß der junge Tietz
dessen Begeisterung für eine systematische Wetter-
beobachtung mit auf den Weg bekommen hat.
 
 

Nach dem Verlassen des Gymnasiums ging er nach Leipzig, wo er 1752 die akademischen Würden
eines Magister artium (bei HELLMANN Magister phil.) erwarb  und als  Privat – Dozent an der
Universität lehrte. 1756 folgte er einer Berufung an die Wittenberger Alma mater, wo ihm 1762 das
Lehramt für Physik übertragen wurde. Darüber hinaus betätigte er sich in etlichen wissenschaftlichen
Ehrenämtern; war Mitglied der Ökonomischen Gesellschaft zu Leipzig, wirkte bei den Naturforschenden
Freunden zu Berlin und in der Naturforschenden Gesellschaft zu Danzig.

Seine letzte Funktion an  der Wittenberger Universität, die ihren absoluten Zenit mit Luther und Melanchthon
bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts hatte und damit bei weitem überschritten,  war die des Seniors der
Philosophischen Fakultät.

Wie aus einem nach seinem Tode am 16. Dezember 1796 von seiner Witwe annoncierten

  „Verzeichniß verschiedener physikal. u. mathem. Instrumente, Mineralien u.
       einiger and. Sachen, welche bei der verwittweten Frau Professor Titius zu
     Wittenberg bis zum 1 ten December 1802 aus freier Hand zu verkaufen sind“,

hervorgeht, hat er sich (auch) mit Pneumatik, Akustik, Magnetismus, Elektrizität, Galvanik, Astronomie, Farbenlehre, Mechanik, Optik beschäftigt.  Mehrere Exemplare der Camera obscura gehörten zu dem Angebot; und, nicht unwichtig, etliche meteorologische Instrumente, vor allem Barometer, Thermometer und    „ 5 blech. Cubikzollmäschen zu Beobachtung des gefallenen Regens. “

Er betätigte sich als Publizist und veröffentlichte seine Beobachtungen (teilweise), schreibt zu allen möglichen
Themen,vor allem über: Landwirtschaft, Mineralogie, die Brau-Ordnung der Churstadt Wittenberg, notwendige
und vernünftige Preisbindung bei Getreide etc. Bis zu seinem Tode am 16. Dezember 1796 gab er ein
„Wittenbergisches Wochenblatt zur Aufnahme der Naturkunde und des ökonomischen Gewerbes“ heraus,
welches von seinem Sohn und seinen Nachfolgern im Amt  Ebert und Pölitz als  „Neues Wittenbergisches Wochenblatt“ bis zum 26. Dezember 1812 fortgesetzt wurde.

Daß Titius, durch Benjamin Franklin angeregt, an seinem Hause den ersten Blitzableiter in Deutschlands erbaute, sei nur am Rande mitgeteilt. (In: KÜHNE, Heinrich / MOTEL, Heinz: "Berühmte Persönlichkeiten und ihre Verbindung zu Wittenberg" - Verlag Göttinger Tageblatt 1990; ISBN 3 - 924 781 - 17 - 6                                auf den Seiten 83 - 84)